Es liegt bislang kaum Wissen über Schutzprozesse im sozialen Umfeld Jugendlicher vor. Ein solches Wissen ist jedoch als Grundlage für eine kontextbezogene Prävention von sexualisierter Gewalt im Jugendalter erforderlich. Das vorliegende Projekt möchte dazu beitragen, erstmals Wissen über Schutzprozesse im sozialen Umfeld Jugendlicher systematisch zu erheben.

Erkenntnisse des abgeschlossenen Projekts "Prävention von Re-Viktimisierung bei sexuell missbrauchten Jugendlichen in Fremdunterbringung" zeigen, dass multiple Gefährdungs- und Stigmatisierungserfahrungen die Vulnerabilität für (erneute) Viktimisierung deutlich erhöhen, sodass eine spezifische Präventionsarbeit unabdingbar ist (Helfferich u.a. 2018).

Konzeptuell greift das Projekt die in den letzten Jahren erfolgte ökologische Öffnung bei der Suche nach praxisrelevanten Schutzfaktoren und -prozessen auf und erweitert diese für das Jugendalter. Ausgehend von einer ersten Verortung von Schutzfaktoren in relevanten Kompetenzen der Kinder, die durch kindbezogene Präventionsanstrengungen zu fördern sind, bestand der erste Schritt dieser ökologischen Öffnung im Einbezug der Qualitäten der Schutzanstrengungen von Eltern und Fachkräften (Quadara u.a. 2015). Eine Erweiterung auf Gleichaltrige im Jugendalter erscheint dringlich, da sich sexuelle Gewalt im Jugendalter häufig unter Gleichaltrigen ereignet. Zudem sind in Risikosituationen, aus denen heraus sich sexuelle Gewalt entwickelt, vielfach andere Jugendliche anwesend. Schließlich werden nach sexueller Gewalt überwiegend zuerst, teilweise auch ausschließlich andere Jugendliche von Betroffenen informiert und um Hilfe gebeten (Banyard 2008).

Ziel des aktuellen Vorhabens ist es, Schutzprozesse gegen sexuelle Übergriffe in pädagogischen Einrichtungen (Mittelschulen und vergleichbaren Schulformen, stationärer Jugendhilfe) und damit im Umfeld vulnerabler Jugendlicher zu untersuchen und Wege zur Förderung solcher Schutzprozesse wissenschaftlich begleitet zu erproben. Diese Schutzprozesse umfassen:

  1. Strategien, um sich selbst schützen zu können

  2. Interventionen zum Schutze anderer

  3. Herstellung eines schützenden Umfelds innerhalb und außerhalb der Institution bzw. Einrichtung

Mittels einer standardisierten Befragung von Jugendlichen in stationären Jugendhilfeeinrichtungen und Mittelschulen bzw. vergleichbaren Schulformen werden Erkenntnisse zu Selbstschutzstrategien und unterstützendem Bystander-Verhalten von Jugendlichen gewonnen. Zudem werden gemeinsam mit Jugendlichen partizipativ entwickelte Präventionsformate evaluiert. Mit pädagogischen Fachkräften werden im Rahmen von Gruppendiskussionen Zielkonflikte zwischen dem Schutz von Jugendlichen und der Förderung ihrer Autonomie erörtert und mögliche Handlungsstrategien in entsprechenden Situationen diskutiert, die in theaterpädagogischen Workshops für Fachkräfte erprobt werden.

Das Projekt „Schutzprozesse gegen sexuelle Übergriffe: Partizipative Prävention im sozialen Umfeld vulnerabler Jugendlicher“ wird im Verbund vom Deutschen Jugendinsti­tut (DJI) und dem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut für Geschlechterfragen im Forschungs- und Innovationsverbund an der Ev. Hochschule Freiburg (FIVE) durchgeführt.

Das Projekt ist Teil der Förderlinie „Forschung zu sexualisierter Gewalt“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Banyard, Victoria (2008): Measurement and correlates of prosocial bystander behavior. In: Violence and Victims, 23. Jg., H. 1, S. 83­­­­­­­–97

Helfferich, Cornelia/Kavemann, Barbara/Kindler, Heinz/Nagel, Bianca/Schürmann-Ebenfeld, Silvia (2018): Re-Viktimisierung nach sexuellem Missbrauch in einer Hochrisikogruppe. Ergebnisse einer Mixed Methods Studie bei Mädchen und jungen Frauen in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe. In: Wazlawik, Martin/Voß, Heinz-Jürgen/Retkowski, Alexandra/Henningsen, Anja/Dekker, Arne (Hrsg.): Sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten. Aktuelle Forschungen und Reflexionen. Wiesbaden, S. 55–70

Quadara, Antonia/Hagy, VickyHiggins, Daryl/Siegel, Natalie (2015): Conceptualising the prevention of child sexual abuse. Final report (Research Report No. 33). Melbourne

 

 

Kontakt

+49 89 62306-245
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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