Das Projekt wurde in zwei Teilen konzipiert:

a. Forschung über (potentielle) Täterschaft
b. Forschung über das strukturelle Bedingungsgefüge sexuellen Mißbrauchs.

a. Der Projektteil zur Erforschung (potentieller) Täterschaft

Dieser Forschungsstrang ging in Übereinstimmung mit einem Großteil der vorliegenden Forschung davon aus, daß sexueller Mißbrauch zu 80-90% von Jungen und Männern ausgeübt wird, ferner daß es hierbei im Prinzip um keine Handlung von Männern geht, die als psychiatrische Fälle bezeichnet werden können. Vielmehr wird davon ausgegangen, daß das Delikt im Wesentlichen von durchaus als „normal“ – im Sinne der Norm entsprechend – geltenden Männern verübt wird. Aus dieser Annahme wurde die Schlußfolgerung abgeleitet, daß Elemente in der männlichen Regelsozialisation eine Prädisposition zur Ausübung sexueller Gewalt herstellen. In diesem Kontext wurde die männliche (insbesondere sexuelle) Sozialisation beleuchtet und der Prozeß in dem Jungen sich an das andere Geschlecht annähern. Es ging um die Herausarbeitung von Schaltstellen, an denen eine Prädisposition zum potentiellen Täter sexueller Gewalt möglicherweise entstehen könnte.

20 Interviews mit Männern wurden durchgeführt, die als Nicht-Täter sowie reflexions- sowie kommunikationsfähig über sexuelle Gewalt vorausgesetzt wurden. Im Ergebnis zeigte sich eine solche Schaltstelle in der gesellschaftlich vermittelten Überlegenheit des männlichen über das weibliche Geschlecht, die mit einem Anspruch auf Dominanz und Verfügungsgewalt über Mädchen/Frauen einhergeht. Im weitesten Sinne pornographische und abwertende Abbildungen von Frauen verstärken diesen Anspruch und verkoppeln sich durch Masturbation über diesen Bildern mit z.T. automatisierten sexuellen Reaktionen, die im weiteren Verlauf der Sozialisation die sexuelle Annäherung an Mädchen und Frauen prägen und steuern. Machtbedürfnisse verbinden sich so mit sexueller Reaktion. Der im weitesten Sinne sexuelle Übergriff wird in ritualisierten Erscheinungsformen zum Bestandteil der normalen männlichen Sozialisation.
Der Abschlußbericht wurde 1995 unter dem Titel: „Sexuelle Gewalt. Männliche Sozialisation und potentielle Täterschaft“ veröffentlicht.

b. Projektteil: „Sexueller Mißbrauch an Mädchen: Strukturelles Bedingungsgefüge und individueller Widerstand“
In diesem zweiten Forschungsstrang wurde das strukturelle Bedingungsgefüge unter zwei Aspekten untersucht, die mit der (potentiellen) Täterschaft korrespondieren:
1. Die zumeist fehlenden Hilfen des sozialen Umfeldes bei der Wahrnehmung bzw. Vermutung von sexuellen Übergriffen und damit das Aussetzen der sozialen Kontrolle im Umfeld.
2. Die Lebensbedingungen von Mädchen, ihre familiale Einbindung und Rollenzuschreibung, die Täter nutzen, um den Widerstand gegen sexuelle Übergriffe zu übergehen und/oder zu brechen.

Mit diesem Forschungsstrang sollte das konkrete, im Einzelfall wirksame Faktorengefüge sichtbar gemacht werden, das den sexuellen Mißbrauch ermöglicht sowie die Strategien der Täter, die den Widerstand zerschlagen. Es sollte die Struktur deutlich werden, in der sexuelle Gewalt stattfindet und geklärt werden, mit welchen Verhaltensweisen und Einstellungen Institutionen und Personen an ihr beteiligt sind, sowie konkret der Widerstand des Opfers gebrochen wird. Die Analyse dieses Faktorengefüges sollte Anhaltspunkte für die Wahrung körperlicher und seelischer Integrität von Mädchen auf der Ebene struktureller und individueller Voraussetzungen erbringen.
Methodisch wurden
- bereits veröffentlichte biographische Berichte von betroffenen Frauen sekundäranlaytisch
ausgewertet
- qualitative Interviews mit betroffenen Frauen durchgeführt
- Prozeßakten und Glaubwürdigkeitsgutachten ausgewertet
- Konfrontationen mit Sexualstraftätern in einer forensischen Anstalt durch eine Initiative betroffener Frauen und Männer begleitet.
Der Abschlußbericht wurde 2000 unter dem Titel: „Täterstrategien und Prävention. Sexueller Mißbrauch an Mädchen innerhalb familialer und familienähnlicher Strukturen“ veröffentlicht.

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